Appearance
Historische Zeitleiste der Rechtsschulen
Von der Offenbarung bis zur Gegenwart: die wichtigsten Stationen, Personen und Werke — die Schulfarben markieren die Gründer und ihre Standardwerke.
610–632
Offenbarung und Wirken des Propheten ﷺ
Qur'an und gelebte Sunnah entstehen — die beiden Quellen, auf denen später jede Schule aufbaut. Rechtsfragen beantwortet der Prophet ﷺ direkt; eine "Methodik" braucht noch niemand.
632–661
Die Sahaba als Richter
Die Kalifen und großen Gefährten ('Umar, 'Ali, Ibn Mas'ud, Ibn 'Abbas, 'A'ishah) entscheiden neue Fälle — ihre Fatwas werden später selbst zur Quelle (bei Hanafis und Hanbalis sogar ausdrücklich in der Hierarchie).
661–750
Regionale Traditionen entstehen
Die Schüler der Sahaba bilden Zentren: Medina pflegt die Überlieferung (die "Leute des Hadith"), Kufa entwickelt systematisches Denken für neue Fälle (die "Leute der Meinung", Ra'y) — der Nährboden, aus dem Maliki- bzw. Hanafi-Schule wachsen.
702–765
Ja'far al-Sadiq — Namensgeber der Ja'fariyya
Der sechste Imam lehrt in Medina Hadith und Fiqh; unter seinen Hörern sind auch Abu Hanifa und Malik. Seine Lehren, überliefert durch die Imame und deren Gefährten, werden zum Kern des schiitischen Fiqh.
699–767
Abu Hanifa — die Schule von Kufa
Kaufmann und Systematiker: hypothetische Fälle ("Was wäre, wenn …"), Qiyas und Istihsan. Seine Schüler Abu Yusuf (oberster Richter der Abbasiden) und al-Shaybani schreiben die Schule auf und tragen sie ins Reich.
711–795
Malik ibn Anas — die Schule Medinas
Sein al-Muwatta' ist das erste große Rechts- und Hadith-Kompendium; die gelebte Praxis Medinas ('Amal Ahl al-Madina) wird zur eigenen Rechtsquelle.
767–820
Al-Shafi'i — die Geburt der Usul
Schüler Maliks und der Hanafiten, Vermittler zwischen Hadith- und Ra'y-Lager. Mit al-Risalah schreibt er das erste Buch über Rechtsmethodik (Usul al-Fiqh) überhaupt; sein al-Umm dokumentiert den "neuen Madhhab" aus Ägypten.
780–855
Ahmad ibn Hanbal — der Hadith-Meister
Sein Musnad umfasst ~27.000 Überlieferungen. In der Mihna (Inquisition um die Erschaffenheit des Qur'an) bleibt er standhaft — das prägt das Selbstverständnis der Schule: Text vor Spekulation.
800–1000
Aufschreiben und Systematisieren
- Sahnun (gest. 854): al-Mudawwana — das Maliki-Grundwerk des Westens.
- Die sechs sunnitischen Hadith-Sammlungen entstehen (Bukhari gest. 870, Muslim gest. 875 …).
- al-Kulayni (gest. 941): al-Kafi — die erste der vier schiitischen Hadith-Sammlungen.
- Die Schulen festigen sich zu Institutionen mit Lehrbetrieb und Richterämtern.
1000–1300
Die klassischen Referenzwerke
- al-Sarakhsi (gest. ~1090): al-Mabsut (Hanafi, 30 Bände — diktiert aus dem Gefängnisbrunnen).
- Ibn Rushd (gest. 1198): Bidayat al-Mujtahid — der große Schulenvergleich (Maliki).
- Ibn Qudama (gest. 1223): al-Mughni (Hanbali).
- al-Nawawi (gest. 1277): Minhaj al-Talibin (Shafi'i).
- al-Muhaqqiq al-Hilli (gest. 1277): Shara'i' al-Islam (Ja'fari).
1300–1500
Kritiker und Erneuerer
Ibn Taymiyyah (gest. 1328) und sein Schüler Ibn al-Qayyim hinterfragen erstarrte Schulmeinungen aus der Hanbali-Tradition heraus (Dreifach-Talaq als eine Scheidung, Ta'zir-Lehre). Auf schiitischer Seite systematisiert al-'Allamah al-Hilli (gest. 1325) den Ijtihad der Usuli-Richtung.
1500–1900
Staatsschulen und Kodifizierung
- Die Osmanen machen den Hanafi-Fiqh zur Reichslehre; die Mecelle (1869–1876) gießt ihn erstmals in Gesetzesform.
- Die Safaviden erheben den Ja'fari-Fiqh zur Staatslehre Persiens; im Usuli-Akhbari-Streit setzt sich der Ijtihad der Maraji' durch.
- Ibn 'Abidin (gest. 1836): Radd al-Muhtar — das letzte große Hanafi-Referenzwerk.
1900–heute
Nationalstaaten, Fatwa-Räte, Digitalisierung
Familiengesetze kombinieren Positionen mehrerer Schulen (Talfiq); internationale Fiqh-Akademien und Fatwa-Räte beantworten neue Fragen (Nawazil) von Organtransplantation bis Kryptowährung — siehe Moderne Fatwas.
Einordnung
Die ersten Jahrhunderte waren geprägt von der Systematisierung der Quellen — jede Schule entwickelte ihre eigene Methodik (Usul), um auf neue Fragen zu antworten: Usul al-Fiqh im Detail. Wie sich die Methoden im Ergebnis unterscheiden, zeigen der Gesamtvergleich und die Fallbeispiele.