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Taharah (Rituelle Reinheit) in der Hanbali-Schule ​

Die Hanbali-Schule, als die am stärksten am Hadith orientierte Schule (Ahl al-Hadith), zeichnet sich in der Reinheit durch eine sehr wörtliche Auslegung der prophetischen Überlieferungen aus. Einzigartig ist hier die Einteilung des Wassers in drei strikte Kategorien und die Regelung zum Mund-/Nasenspülen.


1. Wasserarten (Die 3 Kategorien) ​

Die Hanbalis (wie auch die frühe Shafi'i-Schule) teilen Wasser in drei Arten ein:

  1. Tahur (Reinigend): Reines Naturwasser. Nur dieses Wasser kann für Wudu und Ghusl verwendet werden.
  2. Tahir (Rein, aber nicht reinigend): Wasser, das mit einer reinen Substanz (z.B. Tee, Seife) vermischt wurde, sodass sich sein Name geändert hat, oder Wasser, das bereits für ein Wudu/Ghusl verwendet wurde (Musta'mal). Man kann es trinken oder kochen, aber kein Wudu damit machen.
  3. Najis (Unrein): Wasser, in das eine Unreinheit gefallen ist.[1]

2. Wudu (Die kleine rituelle Waschung) ​

Fard / Arkan (Absolut verpflichtend) ​

Das Weglassen macht das Wudu ungültig.

  1. Die Niyyah (Absicht).
  2. Waschen des Gesichts (einmalig).
    • Hanbali-Besonderheit: Das Ausspülen des Mundes (Madmadah) und das Hochziehen von Wasser in die Nase (Istinshaq) sind zwingender Teil des Gesichts und somit Fard![2]
  3. Waschen beider Arme inklusive der Ellbogen.
  4. Streichen (Masah) über den GESAMTEN Kopf: Inklusive der Ohren.[3]
  5. Waschen beider Füße inklusive der Knöchel.
  6. Tartib (Reihenfolge).
  7. Muwalat (Zügigkeit).

Wajib (Verpflichtend) ​

  • Die Basmalah ("Bismillah"): Die Hanbali-Schule ist die einzige Schule, die das Aussprechen der Basmalah zu Beginn des Wudu als Wajib ansieht.[4] Wenn man sich daran erinnert und sie absichtlich weglässt, ist das Wudu ungültig.

3. Was das Wudu bricht (Nawaqid) ​

  • Ausscheidungen aus den beiden Wegene.
  • Tiefer Schlaf.
  • Hautkontakt mit dem anderen Geschlecht (nur bei Lust).
  • Berühren der eigenen Genitalien (direkt).[5]
  • Hanbali-Besonderheit (Kamel-Fleisch): Der Verzehr von Kamelfleisch bricht das Wudu sofort.[6]
  • Das Waschen eines Leichnams (Ghusl al-Mayyit).

4. Ghusl (Die große rituelle Waschung) ​

Fard ​

  1. Niyyah (Absicht).
  2. Das Wasser über den gesamten Körper fließen lassen.
  3. Mund- und Nasenspülung: Genau wie beim Wudu sind diese beiden auch beim Ghusl Fard.

Anlässe, die Ghusl obligatorisch machen (Mujibat al-Ghusl) ​

  1. Janabah: Ejakulation oder Geschlechtsverkehr.
  2. Hayd: Nach Ende der Menstruation.
  3. Nifas: Nach dem Wochenbett (postpartale Blutung).
  4. Tod: Das Waschen des muslimischen Leichnams (Ghusl al-Mayyit) ist Fard Kifayah.
  5. Islameintritt: Ein Konvertit muss Ghusl vollziehen.

Sunnah des Ghusl ​

  • Hände dreimal waschen zu Beginn.
  • Wudu vor dem Ghusl machen.
  • Mit der rechten Seite beginnen.
  • Das Wasser durch die Haare reiben (nicht nur darübergießen).

5. Tayammum (Die trockene Waschung) ​

Tayammum ersetzt Wudu und Ghusl, wenn kein Wasser verfügbar oder Wassergebrauch schädlich ist.

Bedingungen für die Erlaubtheit ​

  • Kein Wasser erreichbar (Reise, Wüste).
  • Medizinischer Grund: Wasser würde Wunde oder Krankheit verschlimmern.
  • Wasser ist zu kalt und keine Möglichkeit es zu erwärmen (bei Gefahr von Schaden).

Fard / Arkan des Tayammum ​

  1. Niyyah (Absicht): Für welche Reinheit (Wudu-Ersatz oder Ghusl-Ersatz) muss explizit beabsichtigt werden.
  2. Einmaliges Schlagen auf reine Erde (Sand, Stein, Staub — alle reinen Bodenarten).
  3. Wischen des gesamten Gesichts.
  4. Wischen beider Hände bis zu den Handgelenken (nicht bis zu den Ellbogen — Hanbali-Ansicht basierend auf dem Qur'an-Wortlaut).[7]

Was das Tayammum bricht ​

  • Alles, was das Wudu bricht.
  • Das Finden von Wasser (oder das Wegfallen des Grundes, der Tayammum erlaubte).[8]

6. Istinja' und Istijmar (Reinigung nach der Notdurft) ​

  • Istinja': Die Reinigung der Scham-/Ausscheidungsstellen mit Wasser nach dem Wasserlassen oder Stuhlgang.
  • Istijmar: Die alternative Reinigung mit festen, sauberen Gegenständen (Steine, Papiertücher) statt Wasser.
  • Urteil: Nach Hanbali-Mehrheitsmeinung ist Istinja' bzw. Istijmar Wajib, nicht bloß Sunnah — wer die Notdurft verrichtet hat und sich nicht reinigt, darf nicht beten.
  • Mindestanzahl bei Istijmar: Mindestens drei Wischvorgänge mit sauberen Gegenständen, auch wenn die Stelle bereits nach dem ersten Wisch rein erscheint — bei anhaltender Verunreinigung müssen es ungerade Zahlen sein (drei, fünf, sieben), gestützt auf den Hadith: "Wer sich reinigt, soll es in ungerader Zahl tun."[9]
  • Verbotene Reinigungsmittel: Knochen und Dung sind nach Hanbali-Schule explizit Haram als Reinigungsmittel — sie gelten als Nahrung der Jinn bzw. Tiere (Hadith von Ibn Mas'ud).
  • Kombination: Wer zunächst mit Steinen reinigt und danach zusätzlich Wasser benutzt, hat die vollständigste Form der Reinigung vollzogen (Sunnah al-Kamal).

Die fünf Schulen im Vergleich ​



  1. Hanbaliten folgen der Zwei-Qullahs-Regel (ca. 190L-210L). Weniger Wasser wird durch reinen Kontakt mit Najasah unrein. ↩︎

  2. Basierend auf dem Qur'an-Vers 5:6. Hanbaliten argumentieren, dass Mund und Nase innerhalb der Grenzen des Gesichts liegen und somit zwingend mitgewaschen werden müssen. ↩︎

  3. Gestützt auf den Hadith: "Die Ohren gehören zum Kopf." (Abu Dawud, Ibn Majah). ↩︎

  4. Basierend auf dem Hadith: "Kein Wudu für denjenigen, der nicht den Namen Allahs darüber ausspricht." (Tirmidhi). Während andere Schulen diesen Hadith als schwach oder empfohlen einstufen, wertet ihn die Hanbali-Schule als Beweis für das Wajib-Urteil. ↩︎

  5. Basierend auf dem Hadith: "Wer sein Geschlechtsteil berührt, darf nicht beten, bis er Wudu macht." (Ahmad). ↩︎

  6. Beweis (Dalil): Basierend auf dem klaren Hadith in Sahih Muslim: Ein Mann fragte den Propheten ﷺ: "Sollen wir Wudu machen nach (dem Essen von) Schaffleisch?" Er sagte: "Wenn du willst." Er fragte: "Sollen wir Wudu machen nach Kamelfleisch?" Er sagte: "Ja, mache Wudu nach Kamelfleisch." ↩︎

  7. Die Hanbali-Schule liest Qur'an 5:6 ("...wischt über eure Gesichter und Hände") buchstäblich — "Hände" ohne weitere Spezifikation bedeutet bis zum Handgelenk. Andere Schulen ziehen die Wudu-Grenze (Ellbogen) als Maßstab. ↩︎

  8. Basierend auf dem Prinzip: Tayammum ist ein Notbehelf (Rukhsah) — fällt der Notfall weg, entfällt auch die Erlaubnis sofort. ↩︎

  9. Basierend auf dem Hadith: "Wer Istijmar macht, soll es in ungerader Zahl tun." (Sahih al-Bukhari und Muslim). Das Verbot von Knochen und Dung als Reinigungsmittel stützt sich auf den Hadith des Propheten ﷺ an Ibn Mas'ud vor dem Treffen mit den Jinn. ↩︎

Wissenschaftliche, überparteiliche Enzyklopädie der fünf Rechtsschulen.