Skip to content

Salah (Das Gebet) in der Ja'fari-Schule

Das Gebet im schiitischen Ja'fari-Fiqh zeichnet sich durch die enge Anlehnung an die Überlieferungen der Ahl al-Bayt aus. Es enthält einige fundamental andere Positionen als die sunnitischen Schulen – insbesondere beim Sujud, der Handhaltung und dem Sprechen von "Amin".


1. Vorbedingungen (Shurut al-Salah)

Ohne diese Bedingungen ist das Gebet ungültig.

  1. Taharah: Rituelle Reinheit durch Wudu oder Ghusl. Nach der Mehrheitsmeinung der Ja'fari-Gelehrten ersetzt der Ghusl al-Janabah das Wudu vollständig.
  2. Abwesenheit von Najasah: Körper, Kleidung und Gebetsort frei von Najasah.
  3. Satr al-'Awrah: Männer: Bereich zwischen Bauchnabel und Knie. Frauen: Gesamter Körper außer dem Gesicht-Oval (Stirnhaaransatz bis Kinn, Schläfe zu Schläfe) und den Handinnenflächen.
  4. Istiqbal al-Qiblah: Ausrichtung zur Kaaba.
  5. Waqt (Zeit): Das Gebet muss innerhalb der vorgeschriebenen Zeit verrichtet werden. Ja'fari-Besonderheit: Das Zusammenlegen (Jam') von Zuhr+Asr und Maghrib+'Isha ist ohne jeden besonderen Anlass erlaubt (Ja'iz), wenngleich das getrennte Beten bevorzugt wird.[^1]
  6. Niyyah: Im Herzen gefasst – kein verbales Aussprechen nötig.

2. Die Säulen (Arkan) des Gebets

Wird ein Rukn absichtlich oder aus Vergessenheit weggelassen oder hinzugefügt, ist das Gebet ungültig (Batil) und muss vollständig wiederholt werden.

  1. Niyyah (Absicht).
  2. Takbirat al-Ihram: Das Aussprechen von "Allahu Akbar" zu Beginn.
  3. Qiyam (Stehen): Das Stehen, das unmittelbar mit dem Takbirat al-Ihram verbunden ist, sowie das Stehen während der Rezitation der Fatihah. Nur das Qiyam, das direkt einem Rukn vorangeht, ist selbst Rukn.
  4. Ruku': Die vollständige Verbeugung (Rücken nahezu waagerecht, Hände auf den Knien).
  5. Zwei Sujuds pro Raka'ah, zwingend mit der Stirn auf natürliches, unverändertes Erdmaterial (Turba).[^2]
  6. Tashahhud (letztes Sitzen): Das vollständige Sitzen und Sprechen des Tashahhud in der letzten Raka'ah.
  7. Taslim (Salam): Das "As-Salamu 'alaykum wa rahmatullahi wa barakatuh" am Ende. Der letzte Salam ist Rukn; der erste ("As-Salamu 'alayna...") nach Mehrheitsmeinung Wajib.
  8. Tartib (Reihenfolge): Die vorgeschriebene Abfolge der Arkan einhalten.
  9. Muwalat (Kontinuität): Keine unangemessene Unterbrechung zwischen den Arkan.

3. Wajib-Handlungen (verpflichtend, aber kein Rukn)

Wird ein Wajib absichtlich weggelassen, ist das Gebet ungültig. Aus Vergessenheit weggelassen bleibt das Gebet gültig; es sind nach dem Salam zwei Niederwerfungen der Vergesslichkeit (Sujud as-Sahw) zu verrichten.[^3]

  1. Alle Takbirat al-Intiqal (die Übergangstakbirs zwischen den Positionen).
  2. Tasbihat im Ruku': "Subhana Rabbiyal 'Azim wa bihamdih" (mindestens einmal, dreimal ist Sunnah).
  3. Tasbihat im Sujud: "Subhana Rabbiyal A'la wa bihamdih" (mindestens einmal).
  4. "Sami'Allahu liman hamidah" beim Aufrichten aus dem Ruku'.
  5. Erster Tashahhud (nach der zweiten Raka'ah in einem 3- oder 4-teiligen Gebet).
  6. Rezitation einer Surah nach der Fatihah in den ersten zwei Raka'at der Pflichtgebete.
  7. Lautes Rezitieren (Jahr) für den Imam und Einzelbeter in Fajr, Maghrib und 'Isha (erste zwei Raka'at).
  8. Leises Rezitieren (Sirr) in Zuhr und 'Asr.

4. Die markanten Ja'fari-Besonderheiten

1. Sujud auf Turba (Mohr / مهر)

  • Urteil: Es ist Wajib, die Stirn im Sujud auf natürliche, reine Erde (Turba), Sand, Stein, unverändertes Holz oder Papier zu legen.[^2]
  • Teppiche, Stoffe, Leder oder verarbeitete Materialien sind nicht erlaubt.
  • Oft wird ein kleiner gepresster Erdblock (Mohr/Turbah) verwendet, häufig aus der Erde von Karbala.

2. Sadl (Hängende Arme)

  • Urteil: Das Falten der Hände (Takattuf/Qabd) macht das Gebet ungültig (Batil). Es ist Wajib, die Arme locker an den Seiten hängen zu lassen.[^4]

3. "Amin" nach der Fatihah

  • Das Aussprechen von "Amin" nach der Al-Fatihah macht das Gebet ungültig (Batil).[^5]

4. Qunut im täglichen Gebet

  • Urteil: Der Qunut ist in der zweiten Raka'ah jedes Pflichtgebets (vor dem Ruku') Mustahabb (stark empfohlen). Er ist ein deutliches Kennzeichen des Ja'fari-Gebets im Alltag.

5. Basmalah

  • Die Basmalah ist im Ja'fari-Fiqh fester Bestandteil der Al-Fatihah und muss laut rezitiert werden (Jahr), wenn das Gebet laut gebetet wird. Sie leise zu sprechen oder wegzulassen ist im Jahri-Gebet Makruh bis Haram.

5. Das Freitagsgebet (Salat al-Jumu'ah)

  • Klassische Gelehrte lehrten, dass das Jumu'ah-Gebet den anwesenden unfehlbaren Imam oder seinen explizit beauftragten Stellvertreter erfordere; ohne ihn sei es nicht gültig.
  • Mehrheitsmeinung moderner Marja' (u.a. Sistani, Khamenei): Das Freitagsgebet ist erlaubt und empfohlen (Mustahabb). Wer es in gültig durchgeführter Form verrichtet, hat das Zuhr-Gebet damit erfüllt.

6. Nawafil (Freiwillige Gebete im Ja'fari-Fiqh)

Salat al-Layl (Nachtgebet)

  • Das Nachtgebet ist im Ja'fari-Fiqh die bedeutendste freiwillige 'Ibadah — vielfach in Überlieferungen der Ahl al-Bayt betont.
  • Aufbau (optimal, 11 Raka'at):
    • 8 Raka'at "Nawafil al-Layl" (4 Paare à 2 Raka'at).
    • 2 Raka'at "Salat al-Shaf'" (Fürbittengebet).
    • 1 Raka'ah "Salat al-Witr" mit ausgedehntem Qunut — Istigfar, Dua'a für Gläubige, Fürbitte.[^6]
  • Salat al-Witr: Immer 1 Raka'ah im Ja'fari-Fiqh (keine 3er-Block-Option wie bei Hanbalis; keine Einteilung 3+1 wie bei Hanafis).

Tägliche Nawafil (Rawatib al-Yawmiyyah)

Das Ja'fari-Fiqh empfiehlt 34 tägliche Nawafil-Raka'at zusätzlich zu den 17 Fard-Raka'at:[^7]

GebetNawafil
Zuhr (vor+nach)8 + 8 = 16 Raka'at
Maghrib (danach)4 Raka'at
'Isha (danach, im Sitzen)2 Raka'at (gewertet als 1)
Fajr (davor)2 Raka'at
Gesamt34 Raka'at

(Zum Vergleich: Sunnitische Rawatib umfassen nur 12 Raka'at täglich).

Salat al-Duha

  • Umstritten im Ja'fari-Fiqh, da die Hauptüberlieferungen nicht auf die Ahl al-Bayt zurückgehen. Al-Sistani bezeichnet sie als auf Basis von Ihtiyat (Vorsichtsmaßnahme) Mustahabb — wer sie betet, sündigt nicht.

Die fünf Schulen im Vergleich


[^1]: Basierend auf Überlieferungen von Imam al-Baqir und Imam al-Sadiq, die das Jam' ohne Reise explizit lehrten. Einzelne sunnitische Gelehrte (z.B. Ibn al-Mundhir) teilten diese Ansicht. [^2]: Basierend auf dem Hadith: "Die Erde wurde für mich zu einem Masjid (Ort der Niederwerfung) und einer Reinigung gemacht." (Sahih al-Bukhari). Ja'fari-Juristen leiten daraus ab, dass nur Erde und was zur Erde gehört (Holz, Stein) als Sujud-Unterlage erlaubt ist. [^3]: Das Ja'fari-System des Sujud as-Sahw unterscheidet sich vom sunnitischen: Er wird nach dem Salam für jede versehentlich weggelassene Wajib-Handlung verrichtet — zwei Niederwerfungen, Tashahhud und Salam. [^4]: Nach den Überlieferungen der Ahl al-Bayt ist das Verschränken der Arme (Takattuf) eine Neuerung, die nicht zur prophetischen Praxis gehört. [^5]: Imam Ja'far al-Sadiq lehrte, dass das Hinzufügen eines Wortes wie "Amin" – das nicht Teil der Offenbarung ist – das Gebet unterbricht und ungültig macht. [^6]: Al-Kulayni, "Al-Kafi", Kitab al-Salah, Bab Salat al-Layl: Die Überlieferungen von Imam al-Baqir und Imam al-Sadiq beschreiben detailliert den Aufbau von Salat al-Layl als 11 Raka'at (8 Nawafil + 2 Shaf' + 1 Witr). Der ausgedehnte Qunut im Witr — mit Istigfar für 70 Gläubige — ist ein charakteristisches Merkmal der Ja'fari-Andachtspraxis. [^7]: Al-Kulayni, "Al-Kafi", Kitab al-Salah, Bab Nawafil al-Nahar: Die empfohlenen 34 täglichen Nawafil-Raka'at gehen auf Überlieferungen der Ahl al-Bayt zurück. Die höhere Zahl gegenüber sunnitischen Rawatib erklärt sich durch die umfangreicheren Rawatib für Zuhr und 'Asr (je 8 Raka'at).

Wissenschaftliche, überparteiliche Enzyklopädie der fünf Rechtsschulen.