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Salah (Das Gebet) in der Ja'fari-Schule
Das Gebet im schiitischen Ja'fari-Fiqh zeichnet sich durch die enge Anlehnung an die Überlieferungen der Ahl al-Bayt aus. Es enthält einige fundamental andere Positionen als die sunnitischen Schulen – insbesondere beim Sujud, der Handhaltung und dem Sprechen von "Amin".
1. Vorbedingungen (Shurut al-Salah)
Ohne diese Bedingungen ist das Gebet ungültig.
- Taharah: Rituelle Reinheit durch Wudu oder Ghusl. Nach der Mehrheitsmeinung der Ja'fari-Gelehrten ersetzt der Ghusl al-Janabah das Wudu vollständig.
- Abwesenheit von Najasah: Körper, Kleidung und Gebetsort frei von Najasah.
- Satr al-'Awrah: Männer: Bereich zwischen Bauchnabel und Knie. Frauen: Gesamter Körper außer dem Gesicht-Oval (Stirnhaaransatz bis Kinn, Schläfe zu Schläfe) und den Handinnenflächen.
- Istiqbal al-Qiblah: Ausrichtung zur Kaaba.
- Waqt (Zeit): Das Gebet muss innerhalb der vorgeschriebenen Zeit verrichtet werden. Ja'fari-Besonderheit: Das Zusammenlegen (Jam') von Zuhr+Asr und Maghrib+'Isha ist ohne jeden besonderen Anlass erlaubt (Ja'iz), wenngleich das getrennte Beten bevorzugt wird.[^1]
- Niyyah: Im Herzen gefasst – kein verbales Aussprechen nötig.
2. Die Säulen (Arkan) des Gebets
Wird ein Rukn absichtlich oder aus Vergessenheit weggelassen oder hinzugefügt, ist das Gebet ungültig (Batil) und muss vollständig wiederholt werden.
- Niyyah (Absicht).
- Takbirat al-Ihram: Das Aussprechen von "Allahu Akbar" zu Beginn.
- Qiyam (Stehen): Das Stehen, das unmittelbar mit dem Takbirat al-Ihram verbunden ist, sowie das Stehen während der Rezitation der Fatihah. Nur das Qiyam, das direkt einem Rukn vorangeht, ist selbst Rukn.
- Ruku': Die vollständige Verbeugung (Rücken nahezu waagerecht, Hände auf den Knien).
- Zwei Sujuds pro Raka'ah, zwingend mit der Stirn auf natürliches, unverändertes Erdmaterial (Turba).[^2]
- Tashahhud (letztes Sitzen): Das vollständige Sitzen und Sprechen des Tashahhud in der letzten Raka'ah.
- Taslim (Salam): Das "As-Salamu 'alaykum wa rahmatullahi wa barakatuh" am Ende. Der letzte Salam ist Rukn; der erste ("As-Salamu 'alayna...") nach Mehrheitsmeinung Wajib.
- Tartib (Reihenfolge): Die vorgeschriebene Abfolge der Arkan einhalten.
- Muwalat (Kontinuität): Keine unangemessene Unterbrechung zwischen den Arkan.
3. Wajib-Handlungen (verpflichtend, aber kein Rukn)
Wird ein Wajib absichtlich weggelassen, ist das Gebet ungültig. Aus Vergessenheit weggelassen bleibt das Gebet gültig; es sind nach dem Salam zwei Niederwerfungen der Vergesslichkeit (Sujud as-Sahw) zu verrichten.[^3]
- Alle Takbirat al-Intiqal (die Übergangstakbirs zwischen den Positionen).
- Tasbihat im Ruku': "Subhana Rabbiyal 'Azim wa bihamdih" (mindestens einmal, dreimal ist Sunnah).
- Tasbihat im Sujud: "Subhana Rabbiyal A'la wa bihamdih" (mindestens einmal).
- "Sami'Allahu liman hamidah" beim Aufrichten aus dem Ruku'.
- Erster Tashahhud (nach der zweiten Raka'ah in einem 3- oder 4-teiligen Gebet).
- Rezitation einer Surah nach der Fatihah in den ersten zwei Raka'at der Pflichtgebete.
- Lautes Rezitieren (Jahr) für den Imam und Einzelbeter in Fajr, Maghrib und 'Isha (erste zwei Raka'at).
- Leises Rezitieren (Sirr) in Zuhr und 'Asr.
4. Die markanten Ja'fari-Besonderheiten
1. Sujud auf Turba (Mohr / مهر)
- Urteil: Es ist Wajib, die Stirn im Sujud auf natürliche, reine Erde (Turba), Sand, Stein, unverändertes Holz oder Papier zu legen.[^2]
- Teppiche, Stoffe, Leder oder verarbeitete Materialien sind nicht erlaubt.
- Oft wird ein kleiner gepresster Erdblock (Mohr/Turbah) verwendet, häufig aus der Erde von Karbala.
2. Sadl (Hängende Arme)
- Urteil: Das Falten der Hände (Takattuf/Qabd) macht das Gebet ungültig (Batil). Es ist Wajib, die Arme locker an den Seiten hängen zu lassen.[^4]
3. "Amin" nach der Fatihah
- Das Aussprechen von "Amin" nach der Al-Fatihah macht das Gebet ungültig (Batil).[^5]
4. Qunut im täglichen Gebet
- Urteil: Der Qunut ist in der zweiten Raka'ah jedes Pflichtgebets (vor dem Ruku') Mustahabb (stark empfohlen). Er ist ein deutliches Kennzeichen des Ja'fari-Gebets im Alltag.
5. Basmalah
- Die Basmalah ist im Ja'fari-Fiqh fester Bestandteil der Al-Fatihah und muss laut rezitiert werden (Jahr), wenn das Gebet laut gebetet wird. Sie leise zu sprechen oder wegzulassen ist im Jahri-Gebet Makruh bis Haram.
5. Das Freitagsgebet (Salat al-Jumu'ah)
- Klassische Gelehrte lehrten, dass das Jumu'ah-Gebet den anwesenden unfehlbaren Imam oder seinen explizit beauftragten Stellvertreter erfordere; ohne ihn sei es nicht gültig.
- Mehrheitsmeinung moderner Marja' (u.a. Sistani, Khamenei): Das Freitagsgebet ist erlaubt und empfohlen (Mustahabb). Wer es in gültig durchgeführter Form verrichtet, hat das Zuhr-Gebet damit erfüllt.
6. Nawafil (Freiwillige Gebete im Ja'fari-Fiqh)
Salat al-Layl (Nachtgebet)
- Das Nachtgebet ist im Ja'fari-Fiqh die bedeutendste freiwillige 'Ibadah — vielfach in Überlieferungen der Ahl al-Bayt betont.
- Aufbau (optimal, 11 Raka'at):
- 8 Raka'at "Nawafil al-Layl" (4 Paare à 2 Raka'at).
- 2 Raka'at "Salat al-Shaf'" (Fürbittengebet).
- 1 Raka'ah "Salat al-Witr" mit ausgedehntem Qunut — Istigfar, Dua'a für Gläubige, Fürbitte.[^6]
- Salat al-Witr: Immer 1 Raka'ah im Ja'fari-Fiqh (keine 3er-Block-Option wie bei Hanbalis; keine Einteilung 3+1 wie bei Hanafis).
Tägliche Nawafil (Rawatib al-Yawmiyyah)
Das Ja'fari-Fiqh empfiehlt 34 tägliche Nawafil-Raka'at zusätzlich zu den 17 Fard-Raka'at:[^7]
| Gebet | Nawafil |
|---|---|
| Zuhr (vor+nach) | 8 + 8 = 16 Raka'at |
| Maghrib (danach) | 4 Raka'at |
| 'Isha (danach, im Sitzen) | 2 Raka'at (gewertet als 1) |
| Fajr (davor) | 2 Raka'at |
| Gesamt | 34 Raka'at |
(Zum Vergleich: Sunnitische Rawatib umfassen nur 12 Raka'at täglich).
Salat al-Duha
- Umstritten im Ja'fari-Fiqh, da die Hauptüberlieferungen nicht auf die Ahl al-Bayt zurückgehen. Al-Sistani bezeichnet sie als auf Basis von Ihtiyat (Vorsichtsmaßnahme) Mustahabb — wer sie betet, sündigt nicht.
Die fünf Schulen im Vergleich
[^1]: Basierend auf Überlieferungen von Imam al-Baqir und Imam al-Sadiq, die das Jam' ohne Reise explizit lehrten. Einzelne sunnitische Gelehrte (z.B. Ibn al-Mundhir) teilten diese Ansicht. [^2]: Basierend auf dem Hadith: "Die Erde wurde für mich zu einem Masjid (Ort der Niederwerfung) und einer Reinigung gemacht." (Sahih al-Bukhari). Ja'fari-Juristen leiten daraus ab, dass nur Erde und was zur Erde gehört (Holz, Stein) als Sujud-Unterlage erlaubt ist. [^3]: Das Ja'fari-System des Sujud as-Sahw unterscheidet sich vom sunnitischen: Er wird nach dem Salam für jede versehentlich weggelassene Wajib-Handlung verrichtet — zwei Niederwerfungen, Tashahhud und Salam. [^4]: Nach den Überlieferungen der Ahl al-Bayt ist das Verschränken der Arme (Takattuf) eine Neuerung, die nicht zur prophetischen Praxis gehört. [^5]: Imam Ja'far al-Sadiq lehrte, dass das Hinzufügen eines Wortes wie "Amin" – das nicht Teil der Offenbarung ist – das Gebet unterbricht und ungültig macht. [^6]: Al-Kulayni, "Al-Kafi", Kitab al-Salah, Bab Salat al-Layl: Die Überlieferungen von Imam al-Baqir und Imam al-Sadiq beschreiben detailliert den Aufbau von Salat al-Layl als 11 Raka'at (8 Nawafil + 2 Shaf' + 1 Witr). Der ausgedehnte Qunut im Witr — mit Istigfar für 70 Gläubige — ist ein charakteristisches Merkmal der Ja'fari-Andachtspraxis. [^7]: Al-Kulayni, "Al-Kafi", Kitab al-Salah, Bab Nawafil al-Nahar: Die empfohlenen 34 täglichen Nawafil-Raka'at gehen auf Überlieferungen der Ahl al-Bayt zurück. Die höhere Zahl gegenüber sunnitischen Rawatib erklärt sich durch die umfangreicheren Rawatib für Zuhr und 'Asr (je 8 Raka'at).
