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Taharah (Rituelle Reinheit) in der Hanafi-Schule
Die rituelle Reinheit (Taharah) ist die Grundvoraussetzung für das Gebet. Die Hanafi-Schule klassifiziert die Handlungen der Reinheit in 7 Stufen, um die Verpflichtung und Konsequenz bei Unterlassung genau abzugrenzen.
1. Wudu (Die kleine rituelle Waschung)
Fard (Absolut verpflichtend)
Das Weglassen auch nur einer dieser Handlungen macht das Wudu ungültig.[^1]
- Waschen des gesamten Gesichts (einmalig, vom Haaransatz bis unters Kinn, von Ohrläppchen zu Ohrläppchen).
- Waschen beider Arme (einmalig) inklusive der Ellbogen.
- Streichen (Masah) über den Kopf (einmalig, mindestens über 1/4 des Kopfes).
- Waschen beider Füße (einmalig) inklusive der Knöchel.
Wajib (Verpflichtend)
(Im Wudu gibt es nach hanafitischer Standardmeinung keine spezifischen Wajib-Handlungen, die vom Fard getrennt werden. Alles Essenzielle ist Fard.)
Sunnah Mu'akkadah (Betonte Sunnah)
Werden diese Handlungen regelmäßig und grundlos unterlassen, ist es sündhaft. Das Wudu bleibt aber gültig.
- Die Niyyah (Absicht) fassen. (In der Hanafi-Schule ist Wudu auch ohne Absicht gültig, da es ein Mittel zum Zweck ist, aber man erhält keine spirituelle Belohnung).
- Das Aussprechen der Basmalah (Bismillah) zu Beginn.
- Waschen der Hände bis zu den Handgelenken zu Beginn (3 Mal).
- Das Ausspülen des Mundes (Madmadah) (3 Mal).
- Das Hochziehen von Wasser in die Nase (Istinshaq) (3 Mal).
- Die Verwendung des Miswak (Zahnputzholz).
- Das Durchkämmen des Barts mit den nassen Fingern (Khilal).
- Das Durchkämmen der Finger- und Zehenzwischenräume.
- Das Waschen jedes Körperteils dreimal (das erste Mal ist Fard, das zweite und dritte Mal Sunnah).
- Das Streichen (Masah) über den gesamten Kopf (nicht nur 1/4).
- Das Streichen über die Ohren mit demselben Wasser, das für den Kopf verwendet wurde.
- Die Reihenfolge (Tartib) einhalten (wie im Qur'an erwähnt).
Mustahabb / Mandub (Empfohlen)
Handlungen, die belohnt werden, bei deren Unterlassung aber kein Tadel entsteht.
- Mit der rechten Seite beginnen.
- Streichen über den Nacken (nicht über den Hals).
- Während des Wudu zum Qibla (Mekka) ausgerichtet sein.
- Das Wudu selbst durchführen (ohne unnötige Hilfe von anderen).
Makruh Tanzihi (Leicht verpönt)
- Wasserverschwendung (Israf).
- Das Verwenden von zu wenig Wasser (so dass es eher einem Einreiben gleicht statt einem Waschen).
- Sprechen über weltliche Dinge während des Wudu.
Makruh Tahrimi (Streng verpönt / Sündhaft)
- Das Wudu an unreinen (Najis) Orten durchführen.
2. Ghusl (Die große rituelle Waschung)
Fard (Absolut verpflichtend)
- Ausspülen des Mundes (sodass Wasser überall hinkommt).[^2]
- Ausspülen der Nase (bis hoch zum weichen Knochen).[^3]
- Waschen des gesamten Körpers (es darf keine Stelle trocken bleiben, auch nicht so groß wie eine Nadelspitze).
Sunnah Mu'akkadah
- Die Absicht (Niyyah) fassen.
- Zuerst die Hände waschen.
- Waschen der privaten Körperteile und Entfernen von jeglicher physischer Unreinheit (Najasah) vom Körper.
- Danach ein vollständiges Wudu durchführen (wie für das Gebet).
- Wasser dreimal über den Kopf gießen, dann dreimal über die rechte Schulter, dann dreimal über die linke Schulter.
- Den Körper beim Waschen abreiben (Dalk).
3. Tayammum (Die trockene Waschung)
Wird angewendet, wenn kein Wasser verfügbar ist oder die Nutzung von Wasser zu gesundheitlichen Schäden führen würde.[^4]
Fard
- Niyyah (Absicht): Ohne Absicht ist Tayammum ungültig.[^5]
- Das Schlagen beider Hände auf saubere Erde/Stein (oder ein Material, das aus der Erde stammt).
- Das vollständige Streichen über das Gesicht.
- Ein erneutes Schlagen der Hände auf die Erde.
- Das vollständige Streichen über beide Arme (inklusive Ellbogen).
Sunnah
- Das Sprechen der Basmalah.
- Die Reihenfolge (Tartib) einhalten.
- Das Tayammum zügig durchführen, ohne lange Pausen (Muwalat).
[^1]: Al-Marghinani, Al-Hidayah fi Sharh Bidayat al-Mubtadi, Kitab al-Taharah, Bd. 1, S. 15. [^2]: Basierend auf dem Qur'an-Vers 5:6: "Und wenn ihr im Zustand der Unreinheit seid, dann reinigt euch (fattaheru)." Die Hanafiten interpretieren den Befehl zur umfassenden Reinigung so, dass auch das Innere von Mund und Nase einbezogen werden muss. [^3]: Siehe Mukhtasar al-Quduri, Kitab al-Taharah. [^4]: Beleg aus Qur'an 5:6: "Und wenn ihr krank seid oder auf einer Reise ... und kein Wasser findet, so sucht einen sauberen hochgelegenen Ort auf (Tayammum) und streicht euch über das Gesicht und die Hände." [^5]: Im Gegensatz zum Wudu ist beim Tayammum die Niyyah nach hanafitischer Ansicht Fard, da Erde an sich nicht reinigend wirkt und erst durch die Absicht zur gottesdienstlichen Handlung wird.